Borreliose: Dr. Willy Burgdorfer, Entdecker der Borreliose-Ursache, ist verstorben

Zur Erinnerung an einen großartigen Wissenschaftler:

 

Dr. Willy Burgdorfer löste das Rätsel um die Lyme-Borreliose
Noch während der vermeintliche "Lyme-Borreliose-Experte" Alan C. Steere und sein Yale-Team in den 1980er Jahren fieberhaft nach dem „Lyme-Virus“ suchen, wird die bakterielle Ursache der Lyme-Borreliose in einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Montana gefunden. Der Schweizer Mikrobiologe Dr. Willy Burgdorfer, angestellt beim Rocky Mountain Laboratory (RML) der National Institutes of Health (NIH), gilt als einer der Top Zecken-Experten in der Welt. 1925 in Basel geboren, hatte er schon immer ein Faible für Biologie. So beginnt er am Schweizer Tropeninstitut der Universität Basel ein Studium und promoviert in Zoologie, Parasitologie und Bakteriologie über die Übertragung des Zeckenrückfallfiebers durch Lederzecken, infiziert mit Borrelia duttonii Rudolf Geigy, der Gründer und erste Direktor des Schweizer Tropeninstituts, ist schon früh sein Mentor. 1948 besucht Geigy das Rocky Mountain Laboratory (RML) in Hamilton, Montana. Der damalige RML-Direktor verspricht ihm, für jeden seiner Studenten, die sich für die Biologie der Zecken interessieren, werde er eine Post-Doktorandenstelle freihalten. Das wird Burgdorfers Weg, er wechselt nach Montana ans RML.

Unermüdlich seziert Burgdorfer Zecken und andere Anthropoden, identifiziert Pathogene und veröffentlicht zahlreiche Artikel und Bücher. Burgdorfer beackert ein sehr breites Forschungsfeld, das aus Rückfallfieber, Pest, Tularämie, dem Colorado Zeckenfieber, Rocky Mountain Fleckfieber sowie anderen bakteriellen und viralen Infektionen besteht.

Eher unbeabsichtigt entdeckt Burgdorfer auf der Suche nach dem Erreger des Rocky Mountain Fleckfiebers die Ursache für Lyme-Borreliose. Er seziert hunderte von Hundezecken, doch von R. rickettsii, dem gesuchten Erreger, keine Spur. Nun richten sich die Augen der Forscher auf die Hirschzecke (Ixodes scapularis). Mehrere hundert werden an Burgdorfer geschickt, doch es bleibt dabei: Kein Hinweis auf den Rocky Mountain Fleckfieber-Erreger, auch nicht in Hirschzecken.

Zwei Zecken geben Burgdorfer jedoch Rätsel auf. Seiner üblichen Routine folgend, hatte er sie mit einem augenchirurgischen Skalpell seziert und ihre Körperflüssigkeit unter dem Mikroskop untersucht. Erstaunt sieht er genau hin. Tatsächlich: Relativ lange und unregelmäßig gewendelte Mikroorganismen, die wie schraubenförmige Bakterien aussehen, bewegen sich träge vor seinen Augen.

Anders als Alan C. Steere und seine Kollegen ist Burgdorfer mit der europäischen Literatur vertraut. Er kennt auch die Arbeiten von Hellerström, der vermutete, dass Zecken Spirochäten übertrage. Elektrisiert seziert er weitere Zecken und findet in Zweidrittel von ihnen wieder Spirochäten. Im Labor macht sich Aufregung breit. Die ganze Welt sucht nach der Ursache für Lyme Disease und er glaubt, sie gerade vor sich zu sehen. „Es war nicht wirklich ein Aha-Moment“, sagt er später, „es war ein Was um alles in der Welt ist das da in dem Abstrich?“  Er erinnert sich an seine früheren Arbeiten über das Rückfallfieber. „Willy, das sind Spirochäten!“, durchfährt es ihn.

1983 identifiziert Burgdorfer Spirochäten auch in Schweizer Schafzecken, die mit jenen identisch sind, die er in den US-Hirschzecken fand. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei diesen um Borrelien, um jene Spezies, die später Borrelia garinii und Borrelia afzelii genannt werden. Auch sie verursachen Borreliose. Bingo! Burgdorfer hat den schwer zu fassenden Erreger der Wanderröte in Europa und der Lyme-Krankheit in den USA entdeckt.

Während sich Burgdorfer durch alle verfügbaren Daten und Unterlagen über Spirochäten-Infektionen durch Zeckenstiche arbeitet, stößt er auch auf ältere europäische Studien. Veröffentlichungen, die Steere offenbar als irrelevant für die Lyme-Krankheit betrachtet hatte. Burgdorfer ahnt, dass die Lyme-Krankheit in Europa bereits seit mindestens hundert Jahren beschrieben wurde. Steere, oder eigentlich Scrimenti hatten somit keine „neue“ Krankheit entdeckt, sondern eine altbekannte wieder entdeckt.

Zwischen 1980 und 1981 beginnt A. C. Steere damit, mögliche Antibiotika-Therapien zu untersuchen. Er entdeckt, was viele Kollegen bereits wissen: Antibiotika helfen, meistens. 1985 veröffentlicht er einen Artikel über die Wirksamkeit von Antibiotika bei der Behandlung arthritischer Manifestationen der Lyme-Borreliose und schreibt: „Wir folgern, dass Lyme-Arthritis häufig erfolgreich mit […] Penizillin behandelt werden kann.“ Man fragt sich, warum Steere glaubt, das Rad neu erfinden zu müssen? Bereits 1958 hatte Janson in seinem Artikel „Häufigkeit, klinisches Bild, Therapie und Ätiologie des Erythema chronicum migrans“, publiziert, dass 58 seiner 65 Patienten gut auf eine Behandlung mit Penizillin ansprachen Zu diesem Zeitpunkt waren innerhalb der vergangenen 30 Jahre sowohl in den USA als auch in Europa zig Artikel veröffentlicht worden, die die Wirksamkeit der Antibiotika bei der Behandlung der Wanderröte beschrieben. 1970 hatte Scrimenti über die erfolgreiche Behandlung der Wanderröte nebst Folgeerscheinungen mittels Bicillin berichtet. Alle Studien berichten exakt das, was Steere 1985 meinte herausfinden zu wollen: Obwohl nicht in allen Fällen wirksam, so ging es Patienten mit einer Penizillin-Therapie sehr viel besser. Und man darf sich weiter wundern. Steere erkennt nun zwar an, dass eine antibiotische Therapie hilfreich ist, doch hält er bis heute an der universellen Dauer von 10 bis maximal 31 Behandlungstagen fest. Ein Therapiezeitraum, der seiner Meinung nach in allen Stadien der Lyme-Borreliose ausreichend sei. Für ihn sind neurologische, kardiologische und arthritische Beschwerden dem Chronischen Erschöpfungssyndrom oder dem Fibromyalgie-Syndrom zuzuordnen Falls das nicht passt, sind sie „post-infektiös“ oder etwas Anderes. Jedes Problem, das nach 31 Tagen Behandlung noch existiere, sei nicht durch die Mikrobe verursacht, sondern eine autoimmune Reaktion, glaubt Steere. Wäre es nicht nahe liegend, darüber nachzudenken, dass seine antibiotische Therapie womöglich einfach nur zu kurz, zu niedrig dosiert oder mit dem falschen Antibiotikum durchgeführt wurde? Fakt ist: Viele Einwohner von Lyme bleiben dank Steere und seinen Glaubenssätzen für Jahre ohne ursächliche Therapie. Ein ethisch fragwürdiger Ansatz der seine Schatten bereits voraus wirft. Er zimmert die Bühne für eine bittere Fehde zwischen ihm und den Patienten, mit Folgen, die Jahrzehnte später auch Patienten in Deutschland auf die Straßen treibt.

 

B. Jürschik-Busbach © 2014

 

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